Baum

Hanna Lis hat mir vor einem halben Jahr ein Bild geschenkt, ein Bild mit einem schwarzen Baum vor einer weiten Landschaft mit fernem Horizont.
Da, wo Himmel und Erde sich begegnen, ganz in der Tiefe, wird das Auge magisch angezogen von einer starken Lichtquelle, die die Äste des Baumes anstrahlt und ihnen Leben verleiht.
Mein Baum ist geschützt durch einen breiten Rahmen in einem warmen Rot, dem unverkennbaren Rot der Hanna Lis, das Ihnen in ihren Bildern immer wieder begegnen wird.
Es ist ein Rot, das Leben spendet, ein Rot, das sich in meinem Bild zum Violett intensiviert, um schließlich in der Lichtscheibe aufzugehen. Und erst, wenn ich mich von dem Sog dieses Lichtes befreie, erst dann sehe ich, dass mein Baum zwar schwarz, aber nicht tot ist.
Denn ein Hauch von Rot liegt auf seinen Ästen und ich weiß, er ist nur ein Winterbaum, ein Baum der im Frühling wieder neu ausschlagen wird.

Eine andere, aber dennoch vergleichbare Aussage, finden wir bei dem toten Eukalyptusbaum. Dieser Baum ist kein Winterbaum, er ist eindeutig tot. Sein Skelett zeichnet sich schemenhaft weiß auf den Ästen ab. Aber er vergeht nicht.
Seine Wurzeln haben sich schon von der Erde gelöst. Frei von irdischer Schwere scheint er zu schweben, nur kurze Zeit noch fassbar. Dann wird er im Transzendenten verschwinden, leicht und mühelos. Aber das Wissen um seine Auflösung ist nicht belastend. Denn das ihn umgebende Rot signalisiert uns sein Weiterleben. Er wird nur scheinbar vergehen, als Ahnung verbleiben, hier und im Jenseits geschützt durch das Leben spendende Rot eine tröstliche Verheißung.

Unübersehbar die großen Formate mit dem Eukalyptusbaum in der Glut des australischen Outback.
Ästhetisch machtvoll.
Gedanklich Einsamkeit?
Hoffnungslosigkeit?
Oder der auf die Spitze getriebene Funke von Hoffnung auf neues Ausschlagen beim nächsten Regen?